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Kreatives Denken #3: Du bist um 96 % weniger kreativ als Dein 5jähriges Ich

Niemals im Leben sind wir wieder so kreativ, wie wir es als Kinder waren. Im Grunde genommen werden wir als Genies geboren und verblöden dann zusehends ab diesem Zeitpunkt.

Auf der TEDx Convention im Jahr 2011 in Tucson erzählte Dr. George Land dem Publikum von den Ergebnissen eines Kreativitätstests, den er ursprünglich für die NASA entwickelt hat, um das kreative Potenzial von Wissenschaftlern und Ingenieuren der NASA effektiv messen zu können. Primär geht es darum, bei den Personen zu testen, ob sie mit innovativen und einzigartigen Ideen auf Probleme reagieren können. Der Test war bei der NASA sehr erfolgreich und es zeigten sich deutliche Unterschiede bei der Kreativität.

Doch eine Frage blieb für die Wissenschaftler auch nach dem Test offen: woher kommt eigentlich Kreativität.

Wird man damit geboren, kann man sie lernen oder kommt sie erst mit der Lebenserfahrung? Zu diesem Zweck wurde der Test mit insgesamt 1.600 Kindern im Alter von 4 bis 5 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis war erstaunlich. Denn insgesamt 98 Prozent der Kinder – also nahezu alle – schlossen den Test mit dem Testergebnis „Genius“ ab.

Aufgrund dieses erstaunlichen Ergebnisses wollten es die Forscher ganz genau wissen und machten aus dem Projekt eine Langzeitstudie. Sie testeten die gleichen Kinder fünf Jahre später wieder. Zu diesem Zeitpunkt schlossen den Test nur noch 30 Prozent mit dem Ergebnis „Genius“ ab und weitere fünf Jahre später waren es nur noch 12 Prozent.

Zum Vergleich wurde der Test öfters mit Erwachsenen durchgeführt. Bei diesen Tests schlossen durchschnittlich nur 2 Prozent mit dem Ergebnis „Genius“ ab. Von 98 auf 2 Prozent. Ein unglaublicher Wert, oder?

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: alles beginnt mit der Kopfwäsche, die man verpasst bekommt, wenn man in die Schule kommt.

Anstatt der bisherigen Freigeistigkeit gilt es dann, ins Schema zu passen und bloß nicht aufzufallen. Das Bildungssystem ist darauf ausgelegt, Informationen aufzunehmen und zu speichern und nicht darauf, neue Ideen zu generieren. Wir werden darauf trainiert, uns Antworten für bestehende Fragen zu merken. Gleichzeitig verlieren wir die Fähigkeit, unsere eigenen Antworten zu finden geschweige denn unsere eigenen Fragen zu stellen. Uns wird eingetrichtert, dass es schlecht ist, Fehler zu machen. Aus diesem Grund haben wir unser restliches Leben Angst davor, zu scheitern und verbringen deshalb den Tag lieber in einem öden, sicheren Job, als etwas zu riskieren.

Das setzt sich auf den höheren Schulen und im Arbeitsleben sind wir dann schon so daran gewöhnt, dass wir nicht einmal mehr daran denken, dass es auch anders sein oder es auch andere, als die vorgefertigten Antworten auf gestellte Fragen geben könnte. Erst mit der Rente gewinnt man wieder ein wenig an Freiheit. Vielleicht sollte man den Test daher auch einmal mit Personen zwischen 70 und 80 Jahren durchführen. Es würde mich gar nicht überraschen, wenn dann die Werte wieder ein wenig steigen würden.

Was sagt uns diese Studie also? Kreativität wird nicht gelernt, sondern sie wird eher verlernt.

Sie ist ein Werkzeug, dass sich in nahezu jedem Kind findet, wenn es auf die Welt kommt, aber sie stirbt ab, wenn wir erwachsen werden. Erinnere dich daran, welche Vorstellungskraft du als Kind hattest. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich bei Deutsch-Schularbeiten Fantasie-Aufsätze mit so vielen Ideen geschrieben habe, von denen ich heute nicht einmal mehr träumen kann.

Aufgrund dieses Verlustes an Kreativität reden sich die meisten Menschen mit der Zeit einfach ein, dass sie „einfach nicht so der kreative Typ“ sind. Doch genau diese Einstellung ist fatal, denn damit ist jeder Funken erloschen und man versucht erst gar nicht mehr, kreativ zu sein. Kreativität? Das ist für die meisten irgendetwas für Künstler, Designer, Musiker oder andere Verrückte, aber doch nicht für sie selbst: „Wo kämen wir denn da hin, wenn alle kreativ wären?“ Meine Antwort darauf: höchstwahrscheinlich in eine bessere, lebenswertere Welt.

Es gibt viele Menschen, die in ihren jungen Jahren sehr sportlich waren. Einige Jahre später sehen sie sich in den Spiegel und wundern sich, wer der Fettsack ist, der ihnen hier gerade gegenübersteht. Sie beginnen, sich wieder ein wenig sportlich zu betätigen und etwas gesünder zu ernähren. Schon nach ein paar Monaten fällt ihr Blick in den Spiegel schon wieder wesentlich zufriedener aus.

Was das mit Kreativität zu tun hat? Ganz einfach, genauso wie dein Körper nicht automatisch in immer schlechteren Zustand gerät, ist es auch bei der Kreativität.

Deine Fähigkeit, kreativ zu sein, geht nicht wirklich verloren.

Du hast sie leider nur die ganzen letzten Jahre genauso wenig trainiert, wie der Fettsack aus meinem Beispiel seinen Körper. Du bist also sozusagen ein kreativer Fettsack, der damit beginnen sollte, ein regelmäßiges Kreativitäts-Workout einzulegen. Denn damit hast du die Möglichkeit, dir die Magie der Kreativität, die du als Kind so oft eingesetzt hast, zurückzuerobern. Überlege, was du alles erreichen könntest, wenn du mit deinem heutigen Wissen und deiner ganzen Erfahrung auch noch zusätzlich die Kreativität deines 5jährigen Ichs in dir hättest.

Bisher im Rahmen der Artikelserie erschienen:
#1: „Wissen ist Macht!“ Wirklich?
#2: Erschaffen oder erschlaffen

martin-schmidt

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