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Loslassen

Wenn man einmal von Stephen Karpman gehört hat, dann kann es passieren, dass er einen nie wieder loslässt. Keine Angst, Stephen ist kein fieses Arschloch, das Dich erpresst oder sonst gemeine Dinge mit Dir anstellt: er ist der Erfinder des sogenannten Drama-Dreiecks.

Das komplette Modell hier zu beschreiben, würde ein wenig den Rahmen sprengen. Damit haben sich außerdem schon viel schlauere Leute als ich beschäftigt, daher verweise ich an dieser Stelle auf den entsprechenden Wikipedia-Eintrag.

Jedenfalls gibt es in diesem Dreieck immer einen Täter, ein Opfer und einen Retter. Lustigerweise benötigt man dafür laut Karpman nicht einmal drei Personen, es reichen schon zwei, um alle drei Rollen zu besetzen. Gut, in wenigen Fällen kann man es vielleicht auch alleine schaffen, vor allem, wenn man nicht alleine in seinem Körper wohnt, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Bei meiner heutigen Laufrunde habe ich viel über das Thema „Loslassen“ nachgedacht. Viele Leute tun sich ja extrem schwer dabei, sich von Dingen zu lösen, obwohl sie ganz genau wissen, dass es besser wäre. Frei nach dem Motto: „Wenn das Pferd tot ist, dann steige ab!“. Doch das Problem dabei: absteigen tut weh. Denn wenn ich absteige, dann ist Schluss mit dem Zustand, in dem ich jetzt gerade bin. Und genau in dem Zustand fühlen wir uns meistens am wohlsten.

Da kommt wieder einmal die vielzitierte Komfortzone ins Spiel. Die hat nämlich in erster Linie nichts mit Komfort, sondern eher mit Gewohnheit zu tun. Ich werde auf Facebook eine Petition für die Umbenennung der Komfortzone starten, aber bis dahin müssen wir jetzt einfach einmal mit diesem Begriff leben, ok?

Bei der Laufrunde haben sich jedenfalls irgendwann die Gedankengänge „Loslassen“ und „Drama-Dreieck“ gekreuzt und mir ist aufgefallen, dass diese beiden Dinge unmittelbar zusammengehören. Denn in der Komfortzone sind wir immer Opfer. Und Opfer sein ist uns in den meisten Fällen sehr bequem. Das wäre an sich ja jetzt auch gar kein Problem, wenn die Welt voller kompetenter Retter wäre, aber die meisten Retter sind inkompetente Nichtsnutze, die den armen Opfern nicht weiterhelfen können.

Beispiel? Ein Unternehmer, dessen Geschäft nicht gut läuft und der kurz vor der Insolvenz steht, sieht sich als klassisches Opfer. Er hat alles unternommen, damit das Geschäft in Schwung kommt, aber die Kunden wollen einfach nicht kommen oder nicht genug zahlen. Die einzigen, die sich öfter – und zwar öfter als einem lieb ist – blicken lassen, sind die Institutionen, die Geld von einem haben möchten, was man noch gar nicht verdient hat: Finanzamt, Krankenkassa, Versicherungen, Vermieter und sonstige unerwünschte Leute, kurz zusammengefasst: die Gruppe der Täter. Was wir an dieser Stelle brauchen würden, wäre nun ein Robin Hood, ein Rächer der Enterbten, oder zumindest Batman oder zur Not würden vielleicht auch noch Tick, Trick und Track gehen, auf jeden Fall einen kompetenten Retter. Aber wer kommt stattdessen? Unser Saufkumpane, mit dem wir auf ein Bier oder zwei gehen und dem wir unser Leid klagen und der nichts Besseres zu tun hat, als uns mit tröstenden Worten zu „retten“. Er macht nichts, außer uns in unserer Opferrolle zu bestätigen und uns die Gewissheit zu geben, die wir auch vorher schon hatten: alle anderen sind Arschlöcher und ich bin einfach chancenlos.

An dieser Stelle kommt der Retter ins Spiel, den ich mir wünschen würde: den unbequemen Retter. Der einem sagt, dass man eben den Arsch hoch bekommen muss, dass man es auf andere Weise versuchen muss, denn das es auf diese Art und Weise nicht funktioniert, haben wir ohnehin schon hunderte Male bestätigt bekommen oder der einem eben sagt, dass das Pferd tot ist und man absteigen soll. Aber was macht der Retter? Er bestellt noch einmal zwei Halbe Bier und klopft unserem armen Opfer auf die Schulter…

In Österreich – und wahrscheinlich in vielen Teilen von Europa – herrscht derzeit große Aufregung um das Thema Flüchtlinge. Die Stimmung ist aufgeheizt wie schon lange nicht mehr und es geht polarisierter denn je zu. Warum? Meiner Meinung nach kommt auch hier wieder Stephen Karpman ins Spiel. Wir, die ansässige Bevölkerung, sind die armen Opfer, die vom Zustrom überrannt werden. Wir haben Angst, dass sich der aktuelle Zustand verändert. Wir wissen zwar genau, dass es uns nicht besonders gut geht und dass es die nächsten Jahre auch nicht besser wird, aber wir schwimmen gerne in der Suppe des Elends. Die Täter sind in diesem Fall diese eigensinnigen Säcke, die nichts Besseres im Sinn zu haben, als unser schönes, armes, kleines Österreich zu übervölkern, bloß, weil man sie und ihre Familien zu Hause abschlachtet, aufhängt, enthauptet oder verbrennt. Was wir wollen, ist ein Retter. Glücklicherweise kommt gerade einer ins Spiel. Nämlich einer, der da ist für uns Österreicher und unsere Sorgen versteht; ein Ersatzpapa, der es ihnen zeigen wird: Einer von uns.

Um jetzt auf den Kern zurückzukommen, kann man die beiden Themen wieder zusammenführen. Weder im ersten Beispiel des maroden Unternehmens noch im zweiten Beispiel des ängstlichen Staates wird uns der Retter die Rettung bringen. Die Rettung können wir uns nur selbst bringen. Indem wir lernen, loszulassen. Indem wir lernen, mit Veränderungen zu leben. Indem wir lernen, zu akzeptieren, dass sich die Welt weiterdreht. Das Land und die Stadt, in der wir heute leben und in der wir versuchen, die Spuren des gestern zu erhalten, wird morgen schon Geschichte sein. So war es immer und so wird es auch in Zukunft sein. Die Entwicklung lässt sich nicht ändern, unser Umgang damit sehr wohl.

Woran hältst Du Dich fest? An einer Beziehung, die Dir nichts mehr bedeutet? An einem Job, der Dir nur monatlich Geld, aber keine Freude bringt. An Gegenständen, die Dir nur im Weg sind? An Deinem alten Ich, dass Dir nur im Weg ist? An einem Land, dass nur noch in Deiner Vorstellung so aussieht, wie Du es gerne hättest? Ich weiß es nicht, aber ich wünsche Dir viel Spaß dabei, es herauszufinden und es loszulassen.

martin-schmidt

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