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Mensch ärgere Dich nicht!

Wer kennt es nicht, dieses Gesellschaftsspiel für 2 bis 6 Personen und wer hat es nicht als Kind gespielt? Bis zum heutigen Tag wurden über 70 Millionen Exemplare davon verkauft, jährlich sind es immer noch knapp über 100.000 Exemplare, die über den Ladentisch gehen.

Der Erfinder des Spieles  ist der von der Marke Schmidt-Spiele bekannte Josef Friedrich Schmidt. Wobei Erfinder wohl zu viel der Ehre ist. Denn im Grunde genommen hat er es nur geklaut und ein wenig verändert. Der Ursprung des Spieles liegt in Indien. Dort ist Pachisi bis heute ein populäres Spiel. Ein wenig verändert wurde es dann in England unter dem Namen Ludo gespielt.

Schmidt hat dem Spiel alle taktischen Strategien und Variationen genommen und es dann eben unter dem Namen „Mensch ärgere Dich nicht!“ im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Populär wurde es dadurch, dass er es im ersten Weltkrieg an die Soldaten schickte, damit ihnen nicht langweilig wird.

Ich hasse dieses Spiel. Es ist an Stumpfsinn kaum zu überbieten. Indem Schmidt ihm alles an Taktik und Strategie weggenommen hat, was bei Ludo interessant war, hat er es zu einem reinen Glücksspiel gemacht. Es ist also nicht möglich, sich bei diesem Spiel weiterzuentwickeln, sondern es kommt immer nur auf das Glück an. Trotzdem habe ich mich als Kind immer maßlos geärgert, wenn einer meiner Steine einmal wieder kurz vor dem Ziel von einem anderen Spieler geschlagen wurde.

Jahrelang habe ich nun nicht mehr an dieses Spiel gedacht und meinen Frieden damit gemacht. Sollen sich doch andere damit blöd ärgern, ich habe schließlich wichtigere Dinge zu tun. Backgammon spielen zum Beispiel. Da ist zwar auch jede Menge Glück erforderlich, um ein Spiel zu gewinnen, aber wenn man gut spielt und der Gegner schlecht, gewinnt man immerhin zumindest 6 oder 7 von 10 Spielen. Meistens…

Aber ich schweife ab. Es geht ja hier um Mensch ärgere Dich nicht. Jedenfalls dachte ich, dieses Trauma habe ich besiegt, aber manchmal ist das eigene Gehirn ja auch ein ganz schönes Arschloch und so mir nichts dir nichts wirft es mir auf einmal während eines gemütlichen Spazierganges dieses Spiel ins Bewusstsein. Aus heiterem Himmel. Keine Ahnung, welche Assoziation für dieses Synapsenkunststück verantwortlich war. Ich vermute, es hat irgendetwas mit dem Wort „ärgern“ zu tun. Schon möglich, dass ich mir gedacht hab: „Martin, ärgere Dich doch nicht über solche Dinge…“ und zack…schon war es so weit.

Jedenfalls habe ich bei der erneuten Begegnung mit dem Spiel meinen Frieden damit geschlossen. Denn ich habe erkannt, dass es bei Mensch ärgere Dich nicht um viel Wichtigeres geht als um Sieg oder Niederlage. Hier ein paar Dinge, die einem das Spiel lehren (können), ohne jetzt Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Wahrscheinlich fallen mir noch viele weitere Dinge ein und ich muss auch noch einen zweiten Teil dieser Ode auf dieses Spiel verfassen.

Abgeklärtheit: mein Stein wird kurz vor dem Ziel rausgeschmissen. Na und? Auch im echten Leben kann es sein, dass kurz vor dem Ziel etwas passiert, mit dem man nicht gerechnet hat und einen an den Start zurückwirft.

Akzeptanz: man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Das Wetter kann ich nicht beeinflussen, aber meinen Umgang damit.

Anstand, Ehre: die fünfte Niederlage hintereinander und Du kurz vor einem Hysterieanfall oder Heulkrampf? Trotzdem solltest Du Deinem Gegner zum Sieg gratulieren.

Ausgeglichenheit, (Selbst-)Beherrschung, Disziplin, Gelassenheit: manchmal machen einem Dinge einfach rasend. Bei dem Spiel ist es die vereinfachte Version davon und deshalb kann man es auch so schön als Übungsfeld dafür nehmen. Im Krisenfall einfach ein paar Mal tief ein- und wieder ausatmen. Alles wird gut. Lächle und sei froh!

Bewusstheit: vieles im Leben passiert nicht, weil wir gut oder schlecht sind, sondern oft haben wir einfach Glück oder Pech.

Dankbarkeit: Du hast das Spiel verloren? Sieh Dich einmal um und überlege Dir, wie gut es Dir geht. Wahrscheinlich besser, als den meisten anderen Menschen. Warum sich also über die kleine Niederlage ärgern?

Demut: manche Dinge muss man einfach als gegeben hinnehmen.

Einfachheit: vom russischen Raumfahrt-Techniker Sergej Koroljow stammt der Spruch: „Die Genialität einer Konstruktion liegt in ihrer Einfachheit.“.

Einfühlungsvermögen: du bist auf der Siegerstraße? Schön, aber wie geht es eigentlich den anderen Spielern dabei?

Entspannung: leg einfach los. Es liegt nicht an Dir, ob Du hier erfolgreich bist oder nicht. Diese Einstellung kann man auch in den Alltag mitnehmen.

Fairness, Mitgefühl, Respekt: man kann auch gewinnen, ohne dass der Gegner das Gesicht verliert.

Frechheit, Vollendung: manchmal muss man auch einfach die Chuzpe haben, um Dinge durchzuziehen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Glück: Du kannst noch so gut vorbereitet und auf alles gefasst sein. Du kannst den besten Businessplan oder Projektplan haben und das beste Netzwerk. Ohne ein wenig Glück bist Du trotzdem im Arsch.

Hoffnung: Mensch ärgere Dich nicht war noch nie dann verloren, wenn man es geglaubt hat. Irgendwas geht immer noch. Auch im echten Leben glauben wir manchmal zu früh, dass wir verloren haben.

Tapferkeit: ertrag einfach die Anstrengungen und die Schmerzen.

Unerschütterlichkeit: emotionale Gelassenheit ist Voraussetzung für Deine Seelenruhe. Das wussten schon die Epikureer und verwendeten dafür den Ausdruck Ataraxie.

Vertrauen: manchmal muss man auch einfach auf sein Glück vertrauen.

Vorfreude: nur noch wenige Meter bis zum Ziel. Und Du weißt, dass Deine Gegner zu weit weg sind, um Dir noch gefährlich zu werden. Genieße das Gefühl, aber bleib aufmerksam.

Und Du dachtest, das sei einfach ein blödes Würfelspiel…

martin-schmidt

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