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Mentale Stärke für Führungskräfte Teil 9: Von Worten, Sprache, Rahmen und Schubladen…und von einem Traum!

Ich habe mir lange damit Zeit gelassen, aber jetzt komme ich wirklich nicht mehr umhin, eine der berühmtesten Stellen des Talmud (eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums) zu zitieren:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

Was will ich Dir damit sagen? Mir geht es bei diesem Zitat in erster Linie um den Teil mit den Worten – oder globaler ausgedrückt: Deine Worte und damit im Gesamtkontext gesehen Deine Sprache ist im Zusammenhang mit mentaler Stärke unheimlich wichtig.

Man kann das Zitat übrigens auch in die umgekehrte Richtung lesen. Nämlich immer dann, wenn es nicht um die gesprochenen Worte von Dir geht, sondern um die empfangenen. Du hörst auf diese Worte und Dein Hirn versucht sie zu verarbeiten und einzuordnen – es macht sich also Gedanken. In der Fachsprache ist hier vom sogenannten „framen“ die Rede. Einfach ausgedrückt: Dein Gehirn versucht dem Gehörten einen Rahmen zu verpassen.

Jeden Tag prasseln aus den Medien neue Begriffe auf uns ein. Das Gehirn nimmt diese Begriffe wahr und versucht, ihnen ein Bild, ein Geräusch oder gar nur ein Gefühl oder einen Geruch zuzuordnen. Überlege Dir in diesem Zusammenhang, ob Du nicht vielleicht noch das Lieblingsparfum Deiner ersten großen Liebe kennst und woran Du denkst, wenn Du irgendwo diesen Geruch wahrnimmst…Je nachdem, wie Du heute zu Deiner ersten großen Liebe stehst, erzeugt der Duft bei Dir dann auch noch positive oder negative Assoziationen.

Im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung der letzten Jahre geistern auch unterschiedliche Begriffe durch die Medien. Überlege Dir einmal, welchen Unterschied Dein Gehirn bei den beiden folgenden Aussagen macht:

  • Im kommenden Monat erwarten wir, dass voraussichtlich 2.000 Menschen aus Syrien zu uns kommen werden.
  • Es reißt nicht ab: auch nächsten Monat erwartet uns wieder eine riesige Flüchtlingswelle!

Während die erste Aussage eher sachlich aufgebaut ist und uns vernünftig über das Thema nachdenken lässt, erzeugt die zweite, eher aggressive Aussage eine kleine Panik in uns und das Gehirn aktiviert sofort den Gefahrenmodus. Politiker nützen das und überlegen sich ihre Botschaften, die sie an unsere Gehirne senden wollen, sehr genau.

„Framen“ ist ein kompliziertes Wort. Ich spreche daher in diesem Zusammenhang lieber von Schubladen. Jeder von uns hat bereits sehr viele dieser Schubladen. Sie sind beschriftet mit Aussagen wie „mag ich“, „sympathisch“, „intelligent“, „nicht von hier“, „dumm“, „gefährlich“ und vielen anderen mehr. Und sie sind per se ja auch nichts Schlechtes – im Gegenteil: sie helfen uns, Dinge im Alltag schnell einordnen und entsprechende Reaktionen setzen zu können.

Meine Empfehlung an dieser Stelle lautet: ja, nütze Deine Schubladen ruhig, aber nimm in regelmäßigen Abständen kritische Überprüfungen vor. Räume Deine Schubladen auf und beschrifte sie gegebenenfalls neu.

Ich erachte Deine Sprache für Dich in Deiner Position als Führungskraft aus zwei Dingen für überaus wichtig:

  1. Deine Sprache programmiert Dein Gehirn. Globaler formuliert: Du bist, was Du sagst und was Du denkst. Denn natürlich geht es hier auch um Deine gedachte Sprache – also Deine Gespräche mit Dir selbst.
  2. Deine Sprache ist Dein wichtigstes Führungsinstrument! Das, was ich hier beschrieben habe, gilt natürlich nicht nur für Dich, sondern auch für alle anderen Menschen in Deiner Umgebung.

Sicher kennst Du diesen berühmten, mittlerweile über 50 Jahre alten Satz:

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character. (c) Martin Luther King

Wie berühmt wäre dieser Satz wohl geworden, wenn Martin Luther King ihn mit den Worten „Ich hätte gerne, dass…“ begonnen hätte? Welche Power hätte er dann noch gehabt? Vermutlich: Keine! Martin Luther King hatte zuerst für sich formuliert, dass er einen Traum hat, wie die Welt künftig aussehen soll und nachdem er diesen Traum in sein Gedächtnis gebrannt hat, teilte er ihn am 28. August 1963 anlässlich des Marsches auf Washington für Arbeit und Freiheit mehr als 250.000 Menschen mit.

Eine lustige Episode am Rande dazu: eigentlich wollte Mister King den „I have a dream“-Teil an diesem Tag weglassen, doch Mahalia Jackson, die schon frühere Reden mit dieser Metapher gehört hatte, rief ihm zwei Mal zu, er soll den Leuten von seinem Traum erzählen. Daraufhin löste er sich von seinem Manuskript und improvisierte den Schlussteil mit eben diesen Worten.

Nach diesem Plädoyer für die Sprache werden wir uns nun damit beschäftigen, wie wir Dein Gehirn entsprechend mit den richtigen Worten programmieren können.

martin-schmidt

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