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Mentale Stärke für Führungskräfte Teil 17: Du bist nicht Du, wenn…

Wahrscheinlich hast Du bei der Überschrift gleich an die berühmte Snickers-Werbereihe gedacht: „Du bist nicht Du, wenn Du hungrig bist!“ lautet der vollständige Slogan.

In der Werbereihe werden klassische Stressreaktionen dargestellt. Und genau damit wollen wir uns heute auch ein wenig beschäftigen. Doch der Reihe nach.

Im letzten Artikel haben wir uns mit den Energieräubern, den sogenannten Stressoren, beschäftigt, also alles, was Dich dazu bringt, unter Stress zu geraten. Sie befinden sich auf der ersten Ebene der sogenannten Stress-Ampel (ein Modell, das vom Psychologen, Autoren und Coach Gert Kaluza entwickelt wurde, um die unterschiedlichen Komponenten von Stress einfach zu erklären und darzustellen).

Auf der zweiten Ebene der Stressampel geht es um die Stressbooster, also alles, was Deinen schon vorhandenen Stress noch zusätzlich verstärkt.

Damit sind alle Dinge gemeint, mit denen man sich im Grunde genommen nur selbst stresst und wo es keinen Einfluss von außen gibt. Dabei handelt es sich beispielsweise um Dinge wie Perfektion, Ungeduld oder auch Selbstüberforderung, indem man zum Beispiel seine eigenen Leistungsgrenzen nicht akzeptiert. Oder auch:

  • Innere Glaubenssätze
  • Der Glaube, unentbehrlich zu sein
  • Alles allein machen zu wollen
  • Hilfe nicht annehmen können
  • Es allen recht machen zu wollen

Um etwas gegen Deine Stressbooster unternehmen zu können, müssen wir uns zunächst einmal mit den Gedankenmustern, die Du im Laufe Deines Lebens entwickelt hast, beschäftigen. Sie sind nämlich hauptverantwortlich dafür, wie Du eine Situation wahrnimmst oder bewertest.

Dieses Thema lässt sich ganz gut schubladisieren. Kaluza nennt insgesamt fünf unterschiedliche Verstärker, die ich Dir kurz vorstellen möchte:

  • Der erste Verstärker nennt sich „sei perfekt!“. Hinter diesem Verstärker steckt ein übersteigertes Bedürfnis nach Erfolg und Anerkennung durch andere. Damit  verbunden ist natürlich auch eine ausgeprägte Angst vor Misserfolgen und eigenen Fehlern.
  • Die Nummer zwei lautet „sei beliebt!“. Dahinter steckt der Wunsch, es immer allen recht machen zu wollen. Das kann zu Angst vor Ablehnung, Kritik und Zurückweisung führen.
  • Der dritte Verstärker ist vom Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit und Selbstbestimmung geprägt und nennt sich „sei stark!“. Menschen mit diesem Verstärker fürchten sich vor Abhängigkeit anderer und eigener Hilfsbedürftigkeit.
  • „Sei auf der Hut!“ lautet der vierte Verstärker. Hier finden sich alle Kontrollfreaks wieder, also Menschen mit einem großen Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Das hat die Angst vor Fehlentscheidungen und eine Scheu, Risiken einzugehen, zur Folge.
  • Der letzte Verstärker lautet „Ich kann nicht!“. Dahinter steckt ein stark überhöhter Wunsch nach einem bequemen Leben und Wohlbefinden. Die Angst, die damit einhergeht ist verbunden mit dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit und einer sehr geringen Frustrationstoleranz.

Ich bin mir sicher, Du hast Dich bereits beim Lesen schon in einem oder mehreren Verstärkern wiedererkannt. Wenn Du es ganz genau wissen willst, dann denke wieder an Stress-Situationen in den letzten Wochen und Monaten und überlege Dir anhand der beschriebenen Verstärker, was die Auslöser für Dein Verhalten war. Es empfiehlt sich auch hier wieder Feedback von Dir vertrauten Personen, um das Selbstbild etwas abzurunden bzw. zu korrigieren.

So weit also zu Deinen Stressverstärkern. Die letzte Ebene auf der Ampel bilden Deine Stressreaktionen. Sie sind die Konsequenz aus den Stressoren und den Stressverstärkern. Vollende einmal oder öfter den Satz „Wenn ich im Stress bin, dann…“ und Du lernst Deine Reaktionen kennen. Das können ganz unterschiedliche Dinge aus verschiedenen Bereichen sein. Zum Einen einmal die körperliche Ebene.

Deine Muskeln verspannen sich vielleicht manchmal oder Dein Herz schlägt unregelmäßig oder zu schnell. Wenn das nur einmal passiert, ist das noch kein großes Problem, bei Wiederholungen kommt es allerdings zu Erschöpfungserscheinungen und Du gerätst in große Gefahr, ein Burnout zu erleiden.

Oft benimmst Du Dich aber auch einfach nur „daneben“ und stopfst übermäßig (ungesundes) Essen in Dich rein, trinkst ein paar Gläschen Wein oder Bier zum Runterkommen oder greifst gar zu Medikamenten wie Schlafmittel oder Beruhigungstabletten. Vielleicht versuchst Du auch irgendwo anders Deine aufgestauten Aggressionen abzubauen oder wirst einfach unorganisiert und schlampig.

Dann kommen als Stressreaktionen natürlich auch noch Deine Gefühle ins Spiel, gegen die Du Dich in solchen Situationen nicht mehr zur Wehr setzen kannst: Versagensangst, Selbstvorwürfe, Nervosität, Unzufriedenheit, mangelnde Konzentration bis hin zu Blackouts.

Zur besseren Veranschaulichung möchte ich Dir abschließend zur Stressampel ein Beispiel beschreiben:

Thomas arbeitet als Führungskraft eines kleinen Teams im Vertrieb in einem mittelgroßen Weinbetrieb. Einer seiner Mitarbeiter kommt ständig zu spät und hält sich auch sonst wenig an Vereinbarungen. Zu allem Überfluss beschweren sich die Kollegen auch darüber, dass er im Büro zu laut telefoniert und generell wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer nimmt. Seine Verkaufserfolge sind allerdings beachtlich. Thomas ist zusehends genervt von dieser Situation und sie beginnt ihn zu stressen und seine Energie zu rauben, weil er sich nicht mehr um die aus seiner Sicht wirklich wichtigen Dinge kümmern kann. Damit haben wir einen Stressor auf der ersten Ebene der Stressampel.

Grundsätzlich ist Thomas eher der Kumpeltyp und er achtet sehr darauf, dass die Stimmung im Team gut und jeder glücklich und zufrieden ist. Direkten Konfrontationen geht er eher aus dem Weg in der Hoffnung, dass sich solche Dinge mit der Zeit schon von alleine wieder regeln werden. Sein Stressverstärker lautet also „Sei beliebt!“.

Thomas reagiert auf die ständigen Beschwerden der Kollegen mit hoher Nervosität. Er weiß, dass er eigentlich zum Handeln gezwungen ist, aber er möchte dem besagten Mitarbeiter jetzt auch nicht mit der Tatsache konfrontieren, dass er bei seinen Kollegen unbeliebt ist. Diese Nervosität raubt Thomas mittlerweile auch den Schlaf und er grübelt, wie er am Besten aus dieser Nummer rauskommt. Die Stressreaktionen sind also Nervosität und Schlaflosigkeit.

Jetzt, wo ich so über den armen Thomas geschrieben habe, tut er mir richtig leid. Daher werde ich mich im nächsten Artikel damit beschäftigen, wie ich ihm ein wenig aus der Misere helfen kann und wir werden uns ganz allgemein ansehen, welche Möglichkeiten es gibt, gegen den vorhandenen Stress vorzugehen bzw. zu verhindern, dass er überhaupt erst entsteht.

martin-schmidt

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